Depressionen, Trauer, Erschöpfung – vieles kann zur Entgleisung der Seele und zu Suizidgedanken führen

Wie können Sie als Angehöriger, Bekannter oder Freund beistehen? Was ist zu tun, um Schlimmeres zu verhindern?

Der Prozess vollzieht sich oft schleichend. Viele Betroffene mögen gar nicht über das reden, was tief in ihrem Inneren passiert. Sie verschweigen Suizidgedanken oder den Wunsch sich selbst zu schädigen durch das Ritzen mit einer Rasierklinge oder Schere aus Angst nicht verstanden zu werden.

Ich möchte Ihnen heute Tipps geben, um diesen Menschen zu helfen. Denn Sie – ja, Sie! – sind im direkten Umfeld des Betroffenen und bekommen am ehesten mit, dass etwas nicht stimmt. Dies ist für jeden grundsätzlich der wichtigste Punkt überhaupt:

  • Achten Sie bewusst auf Veränderungen im Verhalten Ihrer Verwandten, Bekannten, Freunde.
  • Trauen Sie sich Fragen zu stellen und ein offenes Ohr anzubieten. Wahrscheinlich wären Sie selbst froh, wenn es Ihnen schlecht ginge und Sie wüssten, da ist jemand, der Ihnen einfach mal zuhört.

Das einfache, aber bewusste Zuhören ist leider in unserer heutigen Leistungsgesellschaft verloren gegangen. Es wird in der Regel sofort nach Lösungen gesucht bzw. Lösungen werden einfach angeboten, obwohl der nach einem Zuhörer Suchende vielleicht noch gar keinen Lösungsansatz haben möchte. Und wer nicht sofort eine Lösung bietet, der nutzt wohlmöglich eine andere, genauso wenig gute Strategie: Gegenargumente suchen, gegenanreden, verneinen und vielleicht sogar in eine Verteidigungshalten gehen, wenn offensichtlich wird, dass man selbst Teil des Problems ist. Bitte bedenken Sie: Es geht niemals um Schuldzuweisungen! Es geht darum, dass dort ein Mensch ist, der sich in einer seelischen Schieflage befindet und Hilfe benötigt – und zwar die Hilfe, die aus Sicht des Betroffenen sinnvoll ist. Da ist ein bewusstes Zuhören wirklich Gold wert.

Es kann jedoch auch passieren, dass die seelische Schieflage bereits zur Notlage angewachsen ist und Suizidgedanken sich zeigen. Wenn es nicht so tragisch wäre, dürften Sie sich sogar darüber freuen, dass in der größten Not der Betroffene genau zu Ihnen kommt und sich Ihnen anvertraut! Da ist Vertrauen – und das dürfen Sie als Auszeichnung verstehen. Wenn Sie das Gefühl haben, dass Gefahr für Leib und Leben besteht, dass der Betroffene sich wohlmöglich lebensgefährlich verletzten könnte durch ein passendes Werkzeug (Messer, Schere, Rasierklinge, Teppich-Cutter, Scherben…) oder der Betroffene sogar Selbstmordabsichten in sich trägt, dann ist es wichtig, den Mut zu haben, in dem Moment für den Betroffenen Verantwortung zu übernehmen – und im Zweifel den Notarzt zu rufen. Viele Betroffene sind sogar froh, wenn derjenige, an den sie sich in der Notlage wenden, so handelt und die Verantwortung übernimmt, denn die meisten wollen nicht wirklich sterben. Bitte vergessen Sie dies nie und bitte trauen Sie sich, einmal zu viel als zu wenig den Notarzt zu rufen. Also, was tun beim akuten Ernstfall – bzw. was passiert, wenn Sie die „112“ rufen:

  • Im ersten Schritt ist es sinnvoll, dem Betroffenen vorschlagen, dass Sie die „112“ anrufen. Es ist insgesamt einfacher, wenn der Betroffene diesem Schritt zustimmt und die Leitstelle wird nach dieser Zustimmung sogar am Telefon fragen.
  • Wenn Sie die „112“ angerufen haben, werden Sie sofort danach gefragt, wo der Notfall eingetreten ist. Nennen Sie die Adresse (und Etage), unter der der Betroffene zu finden ist. Bitte verwechseln Sie die Anschrift vor Aufregung nicht mit Ihrer eigenen Anschrift.
  • Sagen Sie sodann, wer Sie sind, und in groben Zügen, was los ist (wie der Betroffene heißt, Alter des Betroffenen etc.). Und sprechen Sie auch die Vermutung aus, dass evtl. ein Suizidversuch vorliegt. Unbedingt sollten Sie auch benennen, ob Werkzeuge zur Selbstschädigung in Reichweite des Betroffenen sind. Oder aber benennen Sie die Tabletten, die der Betroffene wohlmöglich geschluckt hat (sofern Sie darüber Kenntnis haben).
  • Versuchen bis zum Eintreffen vom Notarzt (und der Polizei – sofern besagte Werkzeuge vor Ort sind) im Kontakt mit dem Betroffenen zu bleiben (persönlich oder per Telefon, falls Sie von ihm angerufen worden sind).
  • Bereiten Sie den Betroffenen auf das Eintreffen von Notarzt und evtl. Polizei vor, indem Sie ihm sagen, dass gleich Hilfe da ist.
  • In der Regel werden Polizisten (meist zwei) den ersten Kontakt vor Ort zum Betroffenen herstellen, um die Situation abzusichern – sofern selbstschädigendes Verhalten durch entsprechende Gegenstände zu vermuten oder sogar geschehen ist. Erst danach wird der Notarzt je nach Lage tätig.
  • Bei akuter Suizidgefahr sorgt der Amtsarzt der Gemeinde dafür, dass es zur Einweisung ins Krankenhaus kommt – idealerweise im Einvernehmen mit dem Betroffenen, aber im Zweifel eben auch in Form einer Zwangseinweisung, wenn der Betroffene keine Krankheitseinsicht zeigt.

Ich weiß, solch ein Erlebnis ist für alle Beteiligten dramatisch. Die wenigsten befassen sich täglich mit solchen Themen und nur die wenigsten sind geschult darin. Es geht um Lebensrettung. Sinnvollerweise beginnt die zu einem sehr frühen Zeitpunkt damit, einfach einmal zuzuhören. Suizidgedanken können auf diese Weise vielleicht rechtzeitig offensichtlich werden, therapeutische Begleitung kann beginnen und die „112“ ist auf diese Weise evtl. nicht erforderlich.

Also, beginnen Sie noch heute damit bewusst zuzuhören und Fragen zu stellen.