„Was wollen Sie mit mir zusammen erreichen?“

Irgendwann im Laufe eines Erstgespräches kommt sie – diese Frage. Und sie ist so wichtig! Weiß dieser erschöpfte, belastete Mensch mir gegenüber, was er bzw. sie will? Wohin soll die Reise gehen? Ich bin froh, wenn nicht einfach nur ein Schulterzucken als Antwort kommt. Denn wer soll wissen, was ein Mensch will – wenn nicht er selbst? Aber auch wenn es eine Antwort gibt, lohnt es sich, noch einmal genauer hinzuschauen auf das Ziel.

 

Stressresistenz?

Bin ich erschöpft, habe ich grundsätzlich die Wahl. Oft kommen in Erstgesprächen Antworten wie „ich will, dass das alles an mir abprallt.“, „Ich will mich abhärten.“, „Wie ein Fels in der Brandung…“. Hier ist klassische Stressresistenz gefragt: Werkzeuge erlernen, um mit den individuellen Widrigkeiten des Lebens besser klar zu kommen. Es geht um Unempfindlichkeit, Standfestigkeit. Die Stressoren hat nicht mehr die Möglichkeit, an mich heranzukommen.

Resilienzstärkung oder Stressbewältigung?

Die Betroffenen erlernen Werkzeuge wie Entspannungs-, Aufmerksamkeits- und Konzentrationstechniken. Doch man bedenke: Es ist immer wieder eine nicht unbedeutende Portion Energie notwendig, um den permanenten Kompensationsprozess aufrecht zu erhalten. Denn da ist ja nach wie vor etwas in meinem Leben (die Stressoren), das es mir nicht leicht macht.

Resilienzstärkung?

Wenn ich der Erschöpfung jedoch grundlegend entgegen treten und das Übel an der Wurzel packen will, dann gilt es zwar immer noch, kurzfristig Wege zu finden, um mit den Umständen besser zurecht zu kommen und eine erste Entspannung zu erleben. Und zugleich arbeite ich daran, die Ursachen zu verändern, damit zukünftig das System, in dem ich mich bewege, so gestaltet ist, dass keine erneute Erschöpfung möglich ist.

Jeder kennt es, das Bild vom Fels in der Brandung. Wenn ich mir dieses Bild vor Augen führe, dann steht der Fels für den Aspekt der Stressresistenz: Ich bin felsenfest und standhaft, mir kann die Brandung nichts anhaben. Versuchen wir mal den Blickwinkel zu verändern und werfen einen Blick auf das Wasser: Das tosende Wasser jedoch greift die Idee der Resilienz auf. Es findet seinen Weg, es passt sich an, ist beweglich und umfließt das Hindernis – den Felsen.

Auszeit nehmen und nachdenken!

Es ist sinnvoll, sich in Ruhe darüber klar zu werden, welcher Weg in der jeweiligen Situation wirklich der zielführende ist. Sowohl die Stressresistenz als auch die Resilienzstärkung sind gleichermaßen wertvoll und wirksam. Ich kann nur betonen: Nimm dir Zeit und überlege gut, was für dich jetzt relevant ist. Oft haben wir das Gefühl, dass Systeme nicht veränderbar sind. Ja, das kommt vor. Wir können uns aber dafür entscheiden, ein System zu verlassen. Diese Freiheit ist uns genauso oft gegeben. Ich weiß, der Schritt ist radikal und sollte gut überlegt sein. Es ist möglich, dass genau dies die Erschöpfung beendet. Mehrfach habe ich Betroffene genau bei diesem Schritt begleitet.

Denn was nützt es mir, wenn ich immer weiter meine Entspannungsfähigkeit ausbaue, meine Persönlichkeit forme und die schützende Mauer um mich herum immer mehr ausbaue und im Außen zugleich die Belastungen weiterhin ungebremst wüten? Irgendwann kommt der Punkt, da bin ich aufgrund meiner eigenen Schutzmauer so verhärtet, dass ich mich damit selbst blockiere und trotz all der Aktivitäten doch durch das Hintertürchen in ein passives Ausharren rutsche.

Stressresistenz mit all seinen wertvollen Werkzeugen macht also immer dann Sinn, wenn es sich um einen vorübergehenden Sachverhalt handelt, wenn mein persönlicher Blick auf die Dinge vielleicht von eingeschränkten Denkweisen geprägt ist oder meine Fähigkeit zu entspannen evtl. nicht ganz ausgereift ist – zum Beispiel wenn ich gerade vor einer wichtigen Prüfung stehe oder wenn ich einen neuen Lebensabschnitt beginne (Jobwechsel, Umzug). Sollte dagegen so ein richtig fetter, unbeweglicher Klops meinen Lebensweg belasten, würde die Dauerkompensation permanenten Energieverlust bedeuten. Hier ist es zielführender, wenn ich meine Lebendigkeit und damit meine Beweglichkeit erhöhe, um flexibel wie das Pflänzchen oben im Bild einen Weg für mich zu finden. Hilfreich ist in diesem Moment der umfassendere Weg der Resilienzstärkung.