Bindung - Generationen übergreifende Muster verstehen

Bindungsverhalten – Bindungsfähigkeit

Was glauben Sie: Wie stark sind Sie in Ihrem eigenen Bindungsverhalten von den Bindungsfähigkeiten Ihrer Eltern beeinflusst? Es folgt die berühmte „lange Rede“ – jedoch mit viel Sinn. Den Sinn gibt´s am Ende ganz unten. Gehören Sie auch zu denen, die das Ende der Geschichte immer zuerst lesen? In diesem Fall hier machen Sie selbst sich doch bitte eine Freude und machen Sie es jetzt mal anders… 😉

Kommen wir zum Thema: Bindung! Ich begebe mich gedanklich zurück zum Heiligenfeld-Kongress und es ist völlig egal, ob ich den Vortrag von Dr. Ulrike Weiß (Chefärztin Heiligenfeldklinik Waldmünchen) betrachte oder den Workshop des Ehepaares Jellouschek (Paartherapeuten und Buchautoren) – oder einen der anderen Vorträge und Workshops, in denen die persönliche Bindung im Fokus stand:

Bindungsverhalten über Generationen hinweg

Generationenübergreifende Bindung ist keine Mär, das Bindungsverhalten bzw. die -fähigkeiten einer Generation beeinflussen deutlich die Bindungsfähigkeiten und -muster der Folgegeneration. Das ist Fakt.

Unsere Bindungsfähigkeit oder eben die gestört ausgebildete Bindungsfähigkeit geben wir weiter in die Folgegenerationen. „Es macht“ nicht nur etwas mit uns direkt Betroffenen, sondern eben auch mit den eigenen Kindern und Enkelkindern. Über die Generationen können sich Bindungsmuster anlegen und verfestigen. Erst wenn einer der Betroffenen bewusst auf sein eigenes Bindungsthema schaut, besteht die Chance, diese Kette an Mustern zu durchbrechen – dies jedoch ausschließlich im Leben des direkt Betroffenen.

Das Schöne ist ja, dass wir alle die absolute Freiheit haben, das eigene Leben selbst in die Hand zu nehmen und zum Besseren zu verändern. Ja, es nicht auszuschließen, dass wir mit einem solchen Schritt Loyalitäten gegenüber vorherigen Generationen auf einmal anders betrachten oder sogar aufgeben. Das kann im Zuge des persönlichen Entwicklungsprozesses dazugehören. Loyalitäten aufzugeben muss jedoch noch lange nicht heißen, dass es zum Kontaktabbruch kommt. Ganz im Gegenteil, denn bei einem Kontaktabbruch bleiben meist die alten Muster und Rollenverteilungen erhalten, werden quasi eingefroren, sodass ein weiteres Entwickeln der Beziehung untereinander nicht möglich ist.

Bindungstheorie

Die Bindungsdefinition von Ainsworth (1979) greift den Generationsaspekt auf: „Bindung wird als imaginäres Band zwischen zwei Personen gedacht, das in den Gefühlen verankert ist und das sie über Raum und Zeit hinweg miteinander verbindet.“ (Zitat: Dr. Ulrike Weiß, Heiligenfeldkongress 2017)

Bindung ist ein Entwicklungsthema. Seelische Gesundheit kann sich nur einstellen, wenn

  • eine fortwährende feinfühlige Fürsorge (inkl. sprachlicher Interaktion, Blickkontakt und Berührung) zu mindestens einer Person gewährleistet ist und
  • diese Person ein gutes Gleichgewicht zwischen Geborgenheit einerseits und Freiheit/ freier Entfaltung sowie Erkundung der Welt andererseits ermöglicht.

Die Bindungen, die wir in unserer frühesten Kindheit erlebt haben, bereiten unsere Muster und Verhaltensgewohnheiten in Bezug auf alle folgende Bindungen zu anderen vor. Nach Prof. Dr. Karl Heinz Brisch erleben ca. 40% der Kinder eine nicht sichere Bindung in der frühen Kindheit. „Nicht sicher“ heißt noch nicht, dass automatisch eine echte Bindungsstörung vorliegen muss. Doch auch schon eine unsichere Bindung kann zu einem vermeidenden oder ambivalenten Verhalten anderen gegenüber später führen mit der Folge, dass sich z.B. wohlmöglich ein distanziertes, gehemmtes, aggressives oder suchtgefährdetes Verhalten entwickelt. Auch die Umkehrung von Rollen in Systemen (Familien) kann beobachtet werden: So schlüpft evtl. ein Kind in die fürsorgliche Rolle der Mutter/ des Vaters, wenn diese(r) ein eher kindlich-naives, unreifes und unsicheres Verhalten an den Tag legt.

Sichere und nicht sichere Bindung

Über die Generationen hinweg wird das Bindungsverhalten weitergegeben: Das Schöne ist, dass Menschen, die in der eigenen Kindheit eine sichere Bindung erlebt haben, auch als Eltern in der Regel sicher im Bindungsverhalten auftreten und häufig auch sicher gebundene Kinder haben. Das sind immerhin 60% der Fälle (im Vergleich zu den oben genannten 40%).

Schauen wir uns die genannten 40% an:

Menschen, die in der Kindheit eine unsichere Bindung entwickelt haben, geben dieses Bindungsverhalten oftmals an die eigenen Kinder weiter, die sich ebenfalls als unsicher gebunden zeigen. Und leider steigert es sich weiter: Eltern, die unter einem nicht verarbeiteten Trauma leiden, haben häufig Kinder, die ein desorganisiertes Bindungsverhalten (also eine beginnende Bindungsstörung im Krankheitssinne) zeigen. Der Vollständigkeit halber werfe ich auch den Blick auf die Eltern, die die eigenen Kinder traumatisieren: Hier zeigen sich häufig deutliche Bindungsstörungen (im Krankheitssinne) bei den Kindern.

Darüber hinaus gibt es deutliche Hinweise darauf, dass sicher gebundene Menschen psychisch stabiler sind und unsicher gebundene eher zu psychischen Störungen mit z. T. Krankheitswert neigen, auf die ich hier nicht im Einzelnen eingehen will.

Nicht sichere Bindung und die Folgen

Die Mehrheit der nicht sicher gebundenen Kinder erweist sich als unsicher gebunden (ca. 30%) – also (Kontakt) vermeidend oder ambivalent. Wichtig für das Laienverständnis: Hier liegt noch keine psychische Krankheit vor, wenngleich der Betroffene meist Leidensdruck spürt.

Was bedeutet dieses unsicheres Bindungsverhalten? Insgesamt zeigen die Betroffenen eine größere Verletzlichkeit, auch können Angstgefühle in Hilflosigkeit münden, da die Betroffenen nie echte Unterstützung in der Entwicklungsphase erlebt haben und so das Vertrauen in Hilfsbereitschaft und Unterstützung durch andere fehlt. Das nicht sichere Bindungsverhalten wirkt sich auf alle Lebensbereiche aus. Es ist nicht nur die Bindung zu den Kindern und/oder dem Lebenspartner zu betrachten. Auch Probleme in Ausbildung/ Studium oder am Arbeitsplatz können auf nicht umfassend ausgebildete Bindungsfähigkeiten zurückgeführt werden.

Nachreifen ist möglich

ABER und hier schlage ich den Bogen zum Hinweis ganz am Anfang dieses Artikels: Ein Nachreifen ist auch noch im Erwachsenenalter möglich. Hierbei kann die Beziehung zu einem Partner, der eine stabile Bindungsfähigkeit aufgebaut hat, sehr hilfreich sein und darüber hinaus ggfs. Therapie. Ein erster guter Schritt in dieses Nachreifen ist die bewusste Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit: mit Situationen aus der Kindheit und dem eigenen Verhalten in Partnerschaften – im harmonischen Alltag genauso wie in Krisensituationen. Und wenn ich an Situationen aus der Kindheit denke, so geht es nicht nur um das eigene kindliche Verhalten. Gute Hinweise bietet auch das Verhalten der direkten Bezugspersonen (in der Regel die Eltern) gegenüber dem Kind selbst.

Wenn Sie sich an Begebenheiten aus der Kindheit zurückerinnern – was empfinden Sie heute, wenn Sie sich diese Erlebnisse vor Ihr geistiges Auge rufen? Gibt es ein Schlagwort, mit dem Sie Ihr Verhältnis zu Ihrer Mutter bzw. zu Ihrem Vater in der Kindheit betiteln können? Gab es Trennungserlebnisse oder Momente der Bedrohung, in denen die Bezugspersonen eine Rolle spielten? Und wie ist es heute: Wie zufrieden oder unzufrieden sind Sie mit der Beziehung zu Ihren damaligen Bezugspersonen aktuell? Die Auseinandersetzung mit diesen und weiteren Fragen kann helfen, ein Nachreifen einzuleiten, welche zu einer Stabilisierung der erwachsenen Persönlichkeit beträgt.